„Entweder wird die Atomisierung1 der Menschen durch tiefgreifende Veränderungen und Umwandlungen überwunden, oder sie könnte unserer Kultur in der Tat zum Verhängnis werden. Die gleichen wirtschaftlichen Veränderungen, die die Familie zerstören, führen die Gefahr des Totalitarismus mit sich. Die Familie in der Krise bringt jene Einstellungen hervor, die die Menschen zur blinden Unterwerfung prädisponieren2.“3
Max Horkheimer, Gründer und, neben seinem kongenialen Partner Theodor W. Adorno, langjähriger Vordenker der Frankfurter Schule, sorgte sich nicht nur gegen Ende seines Schaffens sehr um die Familie. Er wollte mit seinem Institut schon immer herausfinden welche Mechanismen ineinandergreifend den Totalitarismus der Nazis in Deutschland und im Allgemeinen begünstig(t)en. Die Familie war dabei oft Mittelpunkt der Frankfurter Überlegungen.
„Je mehr die Abhängigkeit von der Familie zu einer rein psychologischen Funktion in der Seele des Kleinkindes reduziert wird, desto abstrakter und unbestimmter wird sie im Bewußtsein des Heranwachsenden; nicht selten entwickelt sich daraus eine allgemeine Bereitschaft, jede beliebige Autorität zu akzeptieren, wenn sie nur stark genug ist.“4
Das Zitat könnten wir uns nochmal auf der Zunge zergehen lassen. Also laut vor uns hin lesen und die Bezüge, Horkheimer hatte den Aufsatz bereits 1960 veröffentlicht, zur Gegenwart herstellen. Was bedeutet eigentlich Abhängigkeit? Wie abhängig sind wir heute von unserer Familie? Gibt es Symptome von Unabhängigkeit? Schon wenn ich diese Zeilen schreibe, kann ich bei mir eine Färbung der jeweiligen Begriffe beobachten. Wie positiv bzw. negativ sind „Abhängigkeit“ und „Unabhängigkeit“ bei euch besetzt?
Horkheimer, wir können euch den Aufsatz nur wärmstens empfehlen, differenzierte aber zwischen einer ideologisierten und realen Familie. Eine Ideologisierte Familie ist allein im Sinne Anderer. Hier sind die einzelnen Familienmitglieder und die Familie als solche nicht wichtig. Wichtig ist, was die Familie für andere tun kann/sollte. Nicht für sich selbst. Unterstützung und gesellschaftliche Anerkennung erhält eine ideologisierte Familie wenn sie sich fügt und so lebt wie eine Familie in der jeweiligen Zeit leben soll.
Dass die Familie unter Hitler anders ideologisiert wurde als heute ist vermutlich jedem klar. Nur wie solll(te) das Familienleben jetzt gestaltet werden?
Die Nazi’s legten wert auf eine kinderreiche Familie. Damit hatten sie mehr Volk, mehr Rasse, mehr Kraft, mehr Ressourcen, mehr Kanonenfutter für ihre Zwecke. Aber obwohl die Nationalsozialisten in ihrer „Ideologie Familie für eine Gesellschaft als unerläßlich priesen […], beargwöhnten und attackierten sie die Familie in der Realität als möglichen Schutz gegen die Massengesellschaft. Sie betrachteten sie als virtuellen Verschwörer gegen den totalitären Staat.“5 Interessant, oder? Nur weil ‚die Faschisten‘, heute würde man wohl von Populisten sprechen, die Familie auf ihrer Agenda hatten, macht sie das nicht per se zur Keimzelle des Faschismus.
Man kann Familie nämlich nicht nur braun, sondern auch in anderen Farben, viel bunter ideologisieren.
„Während die Familie als Ideologie zugunsten einer repressiven [unterdrückenden] Autorität wirkt, zeigt sich deutlich, daß die Familie als Realität die verläßichste und erfolgreichste Gegeninstanz gegen den Rückfall in die Barbarei ist, von dem jedes Individuum während seiner Entwicklung bedroht wird.“6
Welche Familienformen sind real? Vielleicht müssten wir vorher noch Realität klären? Welche Formen werden heute ideologisiert und führen in den Totalitarismus? Wie sehr sind Familien schon atomisiert? Gab es tiefgreifende Veränderungen und Umwandlungen in den letzten Jahr(zehnt)en? Von wem bin ich abhängig?
Horkheimers Gedanken sollen nur ein kleiner Anstoss für weitere Diskussionen, die gern in den Kommentaren geführt werden können, sein. Und zur Ergänzung vielleicht noch folgendes Zitat aus dem Buch „Das Ende des Individualismus“, das Horkheimers Befürchtungen der Atomisierung vom Anfang wieder aufgreift:
„Aufgrund des Bedeutungsverlustes des Familienverbandes könnte der Staat zunehmend traditionelle Aufgaben der Familie übernehmen, wodurch diese weiter geschwächt werden dürfte. Auch hier könnte ein sich selbst verstärkender Kreislauf entstehen, der unter anderem zum weiteren Anstieg der Staatsquote beitragen könnte. In die gleiche Richtung dürfte die sich möglicherweiße immer weiter entsolidarisierende Gesellschaft wirken. Durch den Verfall natürlicher Solidarbindungen in der Familie und die abnehmende soziale Konditionierung der Bevölkerung im Familienverband könnte sich der Staat gezwungen sehen, durch eigenes Handeln fehlende gesellschaftliche Solidarität zu ersetzen. Hierdurch könnte eine wachsende Zahl von Menschen in unmittelebare Abhängigkeit vom Staat geraten. Ob Menschen aus dieser Abhängigkeit heraus die Träger staatlicher Funktionen noch demokratisch legitimieren und kontrollieren können, ist fraglich. Sollte dies nicht möglich sein, würde die Demokratie als politische Ordnung in Gefahr geraten.“7
Familie ist der Widerstand!
Quellen:
Titelbild: https://unsplash.com/photos/girl-in-white-and-gray-long-sleeve-shirt-sitting-beside-boy-in-blue-shirt-E31OyLefPTs?utm_content=creditShareLink&utm_medium=referral&utm_source=unsplash; Bild am Ende: https://unsplash.com/photos/boy-in-white-and-green-crew-neck-t-shirt-sitting-on-blue-textile-H0PIRd630Qc?utm_content=creditShareLink&utm_medium=referral&utm_source=unsplash
1 gem. i. d. Auflösung einer Gesamtheit in einzelne Komponenten; Siehe https://de.wiktionary.org/wiki/Atomisierung.
2 gem. i. auf eine dem eigenen Willen entzogene Weise auf etw. festlegen; Siehe https://www.dwds.de/wb/pr%C3%A4disponieren.
3 Horkheimer Max, Autorität und Familie in der Gegenwart. In: Derbolav, Josef und Nicolin, Friedhelm (Hrsg.): Erkenntnis und Verantwortung, Festschrift für Theodor Litt, Düsseldorf, 1960, Pädagogischer Verlag Schwann, S. 152-167, hier S. 158, Hervorheb. d. Autors.
4 ebd., S. 159, Hervorheb. d. Autors.
5 ebd., S. 167, Hervorheb. d. Autors.
6 ebd.; Anm. d. Autors, Hervorheb. d. Autors.
7Meinhard Miegel & Stefanie Wahl, Das Ende des Individualismus, 1994, S. 114.
Ich empfehle, auch auf der Seite vom https://www.familien-schutz.de/ zu stöbern.
Es ist ein Skandal was sich unsere Politiker leisten.
‚Spiele und Brot‘ auf perverseste Art und Weise. Der Untergang der Zivilisation!
Sehr guter Artikel Herr Meichßner!