Oder „Moral für Ärzte“ von Friedrich Nietzsche, der mal wieder den Spiegel vorhält.
Nietzsche war ein großer Denker. Gerade in der „Götzendämmerung“, die auch den Untertitel „oder wie man mit dem Hammer philosophiert“ trägt, tut er genau das. Er hämmert auf die Moral ein. Warum haben wir eine Moral? Können wir uns Moral überhaupt leisten? Und welche Moral hat ein Volk wenn, wie er selbst in einem anderem Werk konstatierte, Gott tot ist?
Nietzsche ist aus meiner Sicht der konsequenteste Denker in diese Richtung. Er lässt keine faulen Kompromiss zu, denkt nicht um die Ecke oder hinterhältig. Er denkt den „Gottes-Tod“ in jeden Winkel unseres Da-Seins hinein. Und aus aktuellem Anlass würde ich uns u.a. zum Thema Sterbehilfe gerne folgenden Spiegel vorhalten lassen:
„Der Kranke ist ein Parasit der Gesellschaft. In einem gewissen Zustande ist es unanständig, noch länger zu leben. Das Fortvegetieren in feiger Abhängigkeit von Ärzten und Praktiken, nachdem der Sinn vom Leben, das Recht zum Leben verloren gegangen ist, sollte bei der Gesellschaft eine tiefe Verachtung nach sich ziehn. Die Ärzte wiederum hätten die Vermittler dieser Verachtung zu sein – nicht Rezepte, sondern jeden Tag eine neue Dosis Ekel vor ihrem Patienten… Eine neue Verantwortlichkeit schaffen, die des Arztes, für alle Fälle, wo das höchste Interesse des Lebens, des aufsteigenden Lebens, das rücksichtsloseste Nieder- und Beiseite-Drängen des entartenden Lebens verlangt – zum Beispiel für das Recht auf Zeugung, für das Recht, geboren zu werden, für das Recht, zu leben… Auf eine stolze Art sterben, wenn es nicht mehr möglich ist, auf eine stolze Art zu leben. […] Hier gilt es, allen Feigheiten des Vorurteils zum Trotz, vor allem die richtige, das heißt physiologische Würdigung des sogenannten natürlichen Todes herzustellen: der zuletzt auch nur ein »unnatürlicher«, ein Selbstmord ist. Man geht nie durch jemand anderes zugrunde, als durch sich selbst. […] Wir haben es nicht in der Hand zu verhindern, geboren zu werden: aber wir können diesen Fehler – denn bisweilen ist es ein Fehler – wieder gutmachen. Wenn man sich abschafft, tut man die achtungswürdigste Sache, die es gibt: man verdient beinahe damit, zu leben… Die Gesellschaft, was sage ich! das Leben selber hat mehr Vorteil davon als durch irgendwelches »Leben« in Entsagung, Bleichsucht und andrer Tugend – man hat die andern von seinem Anblick befreit, man hat das Leben von einem Einwand befreit.“1
Das wär’s dann mit der Würde des Menschen im Allgemeinen. Bestimmte (Über)Menschen haben noch Würde. Die, die es wert sind und die sie sich erkämpfen können. Je nach Gesundheitszustand und Lebensfähigkeit halt. „Wir modernen Menschen“, schreibt er ein Kapitel weiter, „sehr zart, sehr verletzlich und hundert Rücksichten gebend und nehmend, bilden uns in der Tat ein, diese zärtliche Menschlichkeit, die wir darstellen, diese erreichte Einmütigkeit in der Schonung, in der Hilfsbereitschaft, im gegenseitigen Vertrauen, sei ein positiver Fortschritt“ Und stellt dann fest: „es kostet hundertmal mehr Mühe, mehr Vorsicht, ein so bedingtes, so spätes Dasein durchzusetzen. Da hilft man sich gegenseitig, da ist jeder bis zu einem gewissen Grade Kranker und jeder Krankenwärter. Das heißt dann ‚Tugend‘ –: unter Menschen, die das Leben noch anders kannten, voller, verschwenderischer, überströmender, hätte man’s anders genannt, ‚Feigheit‘ vielleicht, ‚Erbärmlichkeit‘, ‚Altweiber-Moral‘.“2
Genug in den Spiegel geschaut? Genug Horrorszenario? Man sollte jedoch im Hinterkopf behalten, dass es solche Menschen gibt, die diesen Gedanken nicht abgeneigt sind. Solche, die sie umformuliert in die Debatten um Sterbehilfe einbringen. Am Anfang steht wieder einmal das Menschenbild des Parasiten. Und noch davor der „Tod Gottes“, der Verlust absoluter Werte, die für uns unverhandelbar sind. Das wierdrum führt uns zur Frage zurück: „Ist uns Menschen Würde unmöglich?„
Bildquellen: Spiegel: https://unsplash.com/de/fotos/eine-person-die-ihre-hand-ausstreckt-um-einen-spiegel-zu-beruhren-uvmTg80KJ4o, zuletzt aufgerufen am 18.09.2026; Titelbild: https://unsplash.com/de/fotos/eine-person-die-ihre-hand-ausstreckt-um-einen-spiegel-zu-beruhren-uvmTg80KJ4o, zuletzt aufgerufen am 18.09.2026.
- Friedrich Nietzsche, Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophiert, Holzinger, 4. Auflage, 2016, Erstdruck Leipzig 1889, S. 6,0 Moral für Ärzte, http://www.zeno.org/Philosophie/M/Nietzsche,+Friedrich/G%C3%B6tzen-D%C3%A4mmerung/Streifz%C3%BCge+eines+Unzeitgem%C3%A4%C3%9Fen/36.+Moral+f%C3%BCr+%C3%84rzte, zuletzt aufgerufen am 17.09.2026. ↩︎
- ebd, S.62, Ob wir moralischer geworden sind. ↩︎




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