„Wir sind Wesen, die selbst anfangen können, und deshalb fragen wir auch nach dem Anfang, danach, wie es mit einem selbst angefangen hat und mit der Welt überhaupt.“ Vor allem „die Frage nach der eigenen Herkunft. Dabei wird es unter modernen Bedingungen zu Komplikationen kommen.“
So schreibt es Rüdiger Safranski in seinem Buch Zeit – Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen (2017).
„Schon jetzt und künftig noch stärker werden sich Menschen als Produkte von Machinationen empfinden müssen“, so Safranski. „Die Leibgeber – früher waren es die Eltern, in Zukunft werden es vielleicht die Samenspender, Eilieferantinnen, Leihmütter, Fortpflanzungstechniker und Genbanken sein – werden einen Menschen in die Welt entlassen, der sich als leibgewordene Invenstition empfinden darf. Die Enthüllungen des genetischen Schicksals und die neuen Möglichkeiten, es abzuwenden, stellen die herkömmlichen Haltungen zum Verfügbaren und Unverfügbaren, zu Tod und Krankheit, Zufall und Notwendigkeit in Frage.
Es ändert sich dabei auch das Verhältnis zur Zeit. Denn die Lebenszeit insgesamt erscheint wie die Laufzeit eines Produktes, das sich genetisch bestimmen und optimieren, kaufen und verkaufen, verplanen und versichern lässt. Alles aber wird gesehen aus der Perspektive des Kinderwunsches. Die genetischen Täter führen das große Wort, nicht ihre möglichen Opfer. Wie sollten sie auch. Die einen mit ihren Kinderwünschen, Petrischalen, Samenbanken, Eidepots, Gebärsklavinnen, das sind die Anfänger. [Diejenigen, die eine Leihmutterschaft initiieren.] Und was dabei herauskommt, sind die Angefangenen. Ihnen wird zugemutet, in den Abgrund der womöglich ernüchternden Geschichte ihrer Herstellung zu blicken. Damit müssen sie dann leben, wenn man es ihnen nicht schamvoll verhüllt.“1
Die Zerstörtung des Wunders
In „Geburt und ungewollte Neuanfänge. Ein Hinweis von Hannah Arendt“ hatten wir versucht einen bisschen was von Arendts Begeisterung für den Menschen als Anfänger, als Anfangen-Könner, rüberzubringen. Diese Sicht steht im krassen Gegensatz zu „den Angefangenen“, wie Safranski sie beschreibt. Der Mensch aber, der dazu begabt ist neu-anzufangen, entzieht sich, so Arendt, aller Absehbarkeit und Berechbarkeit. Ein Neu-Anfang steht im Widerspruch zu Statistiken und Wahrscheinlichkeiten. Sonst wäre es ja kein Neu-Anfang, sondern ein ‚Weiter so‘. Ein Neu-Anfang fühlt sich deswegen, wenn man sich’s mal bewusst macht dann kann es durch schimmern, wie ein Wunder an. Fragt mal die Menschen, die den Mauerfall erlebt haben. Oder eine natürliche Geburt.
Jetzt aber Arendt selbst: „Der Neuanfang steht stets im Widerspruch zu statistisch erfaßbaren Wahrscheinlichkeiten, er ist immer das unendlich Unwahrscheinliche; er mutet uns daher, wo wir ihm in lebendiger Erfahrung begegnen – das heißt in der Erfahrung des Lebens, die vorgeprägt ist von den Prozeßabläufen, die ein Neuanfang unterbricht -, immer wie ein Wunder an. Die Tatsache, daß der Mensch zum Handeln im Sinne des Neuanfangs begabt ist, kann daher nur heißen, daß er sich aller Absehbarkeit und Berechenbarkeit entzieht, daß in diesem einen Fall das Unwahrscheinliche selbst noch eine gewissen Wahrscheinlichkeit hat, und daß das, was ‚rational‘, d.h. im Sinne des Berechbaren, schlechterdings nicht zu erwarten steht, doch erhofft werden darf.“2
Leihmutterschaft zieht aber den Menschen in Statistiken, in erfaßbare Wahrscheinlichkeiten und macht ihn berechenbar. Leihmutterschaft ist in absehbare, vorgeprägte Prozeßabläufe eingeflochten. Sie führt definitiv zu einem bestellten und erwartetem Ergebnis. Sie zerstört auch jegliche Hoffnungen. Denn warum sollte man auf etwas hoffen, das man sowieso bekommt? Leihmutterschaft zerstört das Wunder Mensch, den wunder-baren Menschen.
Titelbild: https://unsplash.com/de/fotos/die-hand-reicht-zur-niedrigen-sonne-ATlRqTCbvV4, zuletzt aufgerufen am 08.09.2026.




Aber die Liebe
Schreibe einen Kommentar