„Individualisierung erlaubt nicht nur, sondern zwingt den einzelnen geradezu, aus der Gemeinschaft heraus und in den Wettbewerb mit anderen zu treten.“ Das schrieben Meinhard Miegel und Stefanie Wahl bereits 1994.1 „Einerseits fördert das die Entfaltung seiner kreativen und innovativen Potentiale. Die Produktivität des einzelnen und des Gemeinwesens steigt und mit ihr der materielle Wohlstand. Andererseits lockern sich jedoch zwischenmenschliche Beziehungen.“2
Außerdem stellten die beiden fest, dass in Kulturen, in denen „alles im Dienste des einzelnen steht, kann er Gemeinschaften nicht ein- oder gar untergeordnet sein. Mehr noch: Gemeinschaften sind dem einzelnen nicht vorgegeben, sondern Geschöpfe individuellen Wollens. Doch Individuen wollen Gemeinschaft nur, wenn sie ihnen bei der Verwirklichung ihrer individualistischen Ziele nutzt. Nutzt sie ihnen nicht mehr oder behindert sie sie gar, wollen Individuen nicht mehr. Damit verliert die Gemeinschaft ihren Seinsgrund. Gemeinschaften sind in individualistischen Kulturen voluntaristisch.“3
Soll heißen: Beziehungen werden nur dann eingegangen wenn ich einen Nutzen davon habe. Es geht weniger darum, was ich verbindlich einbringen kann, sondern eher darum was ich raus bekomme. Stärkt es meinen Selbstwert? Kann ich mich entfalten? Fühle ich es? Bringt mich der Job weiter? Befriedigt es/sie/er mich (noch)?
Bringt mich das Kind jetzt weiter? Nein? Behindert es meine Lebensplanung?…
Es gibt aber Gemeinschaften, die Widerstand gegen diese Vereinzelung oder Atomisierung leisten. „Die wichtigste unter ihnen ist die Gemeinschaft von Eltern und Kindern. Zwar steht es Eltern frei, diese Gemeinschaft zu zeugen. Haben sie sie aber gezeugt, können sie sie – gleichgültig ob sie ihnen nützlich oder hinderlich ist – nur unter Beschädigung ihrer selbst, vor allem aber ihrer Kinder beenden.“4 Damit sind Familie nur zum Teil freiwillig, willentlich. „[O]der umgekehrt, sie sind in gewisser Weise Zwangsgemeinschaften, die als solche in Widerspruch zu den Maximen individualistischer Kultur stehen.“5 Schon das Zusammenzucken beim Wort „Zwang(sgemeinschaft) offenbart u.a. wie tief die Autoren aber auch du und ich in einer individualistischen Kultur leben, oder?
Die logische Folge? „Gemeinschaften mit Kindern werden in individualistischen Kulturen gemieden, es sei denn, sie entsprechen den individuellen Neigungen von einzelnen. […] Mehr als jede andere Kultur fördern individualistische Kulturen die optimale Entfaltung des Menschen als Kulturwesen. Doch zugleich hemmen sie seine Entwicklung als Naturwesen. Durch die Auflösung von Gemeinschaft sinkt in individualistischen Kulturen die menschliche Fruchtbarkeit. Der kulturell hochgradig entfalteten Bevölkerung droht so der Verlust ihrer physischen Existenz.“
Familie ist der Widerstand. Wenn Ich nicht mehr Du denken, sagen kann. dann verschwinden Wir. „Nur Menschen, die fähig sind, zueinander wahrhaft Du zu sagen, können miteinander wahrhaft Wir sagen.“6 Mehr dazu im nächsten Beitrag.
Quelle Titelbild: https://unsplash.com/de/fotos/eine-person-die-auf-einer-bank-sitzt-und-auf-das-wasser-schaut-3XWFmFxavTY




Olivia Maurel – per Leihmutterschaft produziert
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