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Individualismus oder Kollektivismus?

Aktuelle Seite: Start / Allgemein / Individualismus oder Kollektivismus?
6. Oktober 2026 von Sebastian Meichßner

„Die Kritik an der individualistischen Methode geht gewöhnlich von der kollektivistischen Tendenz aus.“1 Führt also die Kritik an individualistischen Lebensstilen unweigerlich (zurück) ins Kollektiv? Martin Buber würde sagen Nein. Warum und wohin, das klären wir heute.

Buber meint, dass der Individualismus nur einen Teil des Menschen erfasst. „Betrachtest du den Einzelnen an sich, dann siehst du vom Menschen gleichsam nur so viel wie wir vom Mond sehen“.2 Der Kollektivismus dagegen erfasst den Menschen nur als Teil. „Betrachtest du die Gesamtheit an sich, dann siehst du vom Menschen gleichsam nur so viel wie wir von der Milchstraße sehen.“3 Beide dringen nicht dazu durch, den Menschen als Ganzes zu sehen. „Der Individualismus sieht den Menschen nur in der Bezogenheit auf sich selbst, aber der Kollektivismus sieht den Menschen überhaupt nicht, er sieht nur die ‚Gesellschaft‘.“4

Beide Formen versuchen laut Buber lediglich eine Antwort auf das Problem des Menschen zu geben. Im Menschen herrsche eine soziale und kosmische Heimlosigkeit, eine Welt- und Lebensangst. Er (er)lebt sein Da-Sein größtenteils in Einsamkeit, in einem Ausmaß, das es so zuvor noch nie gegeben hätte, so Buber. „Die menschliche Person fühlt sich zugleich als Mensch ausgesetzt von der Natur, wie man ein verleugnetes Kind aussetzt, und als Person isoliert mitten in der tosenden Menschenwelt. Die erste Reaktion des Geistes auf die Erkenntnis der neuen unheimlichen Lage ist der moderne Individualismus, die zweite der moderne Kollektivismus.“5 (Diese Erkenntnis kann aber nur aufkeimen, wenn der Mensch ehrlich zu sich selbst ist und unbetäubt.)

Die Festung des Individualismus

Im Individualismus bejaht der Mensch seine soeben geschilderte Lage vollumfänglich. Der Mensch will eine Festung seines Lebenssystems errichten, in der die Amor Fati regiert: ‚Das Leben so wie es ist, so wie es kommt, so wollte ich es.‚ „Und ebenso akzeptiert er sein Isoliertsein als Person, weil erst die mit anderen unverbundene Monade sich als Individuum im äußersten Sinn erfahren und verherrlichen kann. Um sich vor der Verzweiflung zu retten, mit der ihn seine Verseinsamung bedroht, ergreift der Mensch den Ausweg, diese zu glorifizieren.“6 Aber diese Festung ist nur erdacht, nur imaginiert. Und so stellt Buber fest, dass dadurch der Individualismus scheitert: „denn die Imagination reicht nicht zu, die gegebene Situation faktisch zu bewältigen.“7 Der Mensch ist immer noch einsam, hat immer noch Angst und immer noch kein wahres Zuhause. Ironischerweise glorifiziert er diesen Zustand auch noch.

Gemeinsam einsam im Kollektivismus

Jetzt versucht der Mensch nun wirklich seiner Einsamkeit zu entkommen. Er glorifiziert nicht mehr, sondern wird völlig eins mit den modernen Gruppen seiner Zeit. „Je massiver, lückenloser und leistungsstärker diese [sind], um so mehr kann sich [der Mensch] von beiden Formen der Heimlosigkeit, der sozialen und der kosmischen, erlöst empfinden.“8 Im Kollektiv besteht kein Grund zur Lebensangst mehr. Man muss sich nur dem allgemeinen Willen einfügen und „die eigene Verantwortung für das allzu kompliziert gewordene Dasein in der kollektiven aufgehen“9 lassen, denn die kollektive Verantwortung ist offenbar allen Komplikationen gewachsen. „Und ebenso ist offenbar kein Anlaß zur Weltangst mehr, da an die Stelle des unheimlich gewordenen Weltalls, mit dem sich sozusagen kein Vertrag mehr machen läßt, die technisierte Natur getreten ist, mit der die Gesellschaft als solche fertig wird oder fertig zu werden scheint. Das Kollektiv macht sich anheischig, die totale Sicherung zu liefern. Imaginär ist hier nichts, hier waltet eine dichte Realität, das Allgemeine selber scheint real geworden.“10

Und doch ist alles nur Illusion. „Der Anschluß der Person an das zuverlässige ‚Ganze‘, das die Menschenmassen umfaßt, ist vollzogen; aber es ist kein Anschluß des Menschen an den Menschen. Der Mensch im Kollektiv ist nicht der Mensch mit dem Menschen.“11 Gemeinsam einsam also. Der Mensch wird nicht aus seiner Vereinsamung erlöst, sondern das Kollektiv mit seinem Anspruch „an die Gesamtheit eines jeden geht folgerichtig und mit Erfolg darauf aus, alle Verbindungen mit Lebenden zu reduzieren, zu neutralisieren, zu entwerten, zu entheiligen.“12 Jeder Wunsch nach wirklicher Beziehung mit anderen Menschen, frei vom Misstrauen und der Hingabe an die größere Sache, „wird fortschreitend abgetötet oder doch unempfindlich gemacht. Die Vereinsamung des Menschen wird hier nicht überwunden, sondern übertäubt.“13

Der Ausweg

„Im Individualismus ist die Person, infolge der nur-imaginären Bewältigung ihrer Grundsituation dem Kernschaden der Fiktion befallen […]; im Kollektivismus gibt sie, mit dem Verzicht auf die Unmittelbarkeit persönlicher Entscheidung und Verantwortung, sich selber auf. In beiden Fällen ist sie unfähig den Durchbruch zum Anderen zu vollziehen: nur zwischen echten Personen gibt es echte Beziehung.“14

Buber ahnt im Folgenden den Ausweg: „Erst wenn der Einzelne den Anderen, in all seiner Anderheit, als sich, als den Menschen erkennt und von da aus zum Anderen durchbricht, wird er, in einer strengen und verwandelnden Begegnung, seiner Einsamkeit durchbrochen haben. Es ist offenbar, daß ein solcher Vorgang nur aus einer Aufrüttelung der Person als Person hervorgehen kann.“15 Buber spürt dem Menschen irgendwie ab, dass er unzufrieden ist. Individualismus oder Kollektivismus liefern keine befriedigende Antwort. Es müsse also etwas Drittes geben. Etwas das nicht auf das Eine noch auf das Andere zurückgeführt werden könne und mit ihnen im geistigen Sinne weder verwandt noch verschwägert sei. „Die fundamentale Tatsache der menschlichen Existenz ist weder der Einzelne als solcher noch die Gesamtheit als solche. Beide, für sich betrachtet, sind nur mächtige Abstraktionen. Der Einzelne ist Tatsache der Existenz, sofern er zu anderen Einzelnen in lebendige Beziehung tritt; die Gesamtheit ist Tatsache der Existenz, sofern sie sich aus lebendigen Beziehungseinheiten aufbaut. Die fundamentale Tatsache der menschlichen Existenz ist der Mensch mit dem Menschen.“16

Seht euch den Menschen mit dem Menschen an, fordert uns Buber auf. Dann sieht man die Dynamik dazwischen: „hier das Gebende und hier das Empfangende, hier die angreifende und hier die abwehrende Kraft, hier die Beschaffenheit des Nachforschens und hier die des Erwiderns und immer beides in einem, einander eränzend im wechselseiten Einsatz.“17

In diesem Bewusstsein können wir uns dem Einzelnen zuwenden und „ihn als den Menschen nach seiner Beziehungsmöglichkeit“18 erkennen. Und wir können uns der Gesamtheit, der Gesellschaft zuwenden und „den Menschen nach seiner Beziehungsfülle“19 erkennen.

„Nur Menschen, die fähig sind, zueinander wahrhaft Du zu sagen, können miteinander wahrhaft Wir sagen.“20

Titelbild: https://unsplash.com/de/fotos/eine-junge-frau-mit-der-hand-am-kinn-die-nachdenklich-aussieht-e5I4Zk7FpEM; We are one: https://unsplash.com/de/fotos/grune-und-schwarze-graffiti-an-der-wand-rhd_v7tf0aQ; Frauen https://unsplash.com/de/fotos/grune-und-schwarze-graffiti-an-der-wand-rhd_v7tf0aQ; Baby auf Arm:https://unsplash.com/de/fotos/eine-frau-die-ein-baby-auf-dem-arm-halt-NP5-t0fYHfI alle zuletzt aufgerufen am 06.10.2026.

  1. Martin Buber, Das Problem des Menschen, 6. Auflage, 2000, Gütersloher Verlagshaus, S. 159. ↩︎
  2. ebd., S. 168. ↩︎
  3. ebd. ↩︎
  4. ebd., S. 159. ↩︎
  5. ebd., S. 160. ↩︎
  6. ebd., S. 160. ↩︎
  7. ebd., S. 161. ↩︎
  8. ebd. ↩︎
  9. ebd. ↩︎
  10. ebd. ↩︎
  11. ebd. S. 161f. ↩︎
  12. ebd. S. 162. ↩︎
  13. ebd. ↩︎
  14. ebd., S. 163. ↩︎
  15. ebd., S. 162f. ↩︎
  16. ebd., S. 164. ↩︎
  17. ebd., S. 169. ↩︎
  18. ebd. ↩︎
  19. ebd. ↩︎
  20. ebd., S. 115f. ↩︎
Kategorie: Allgemein, Wert(voll)Schlagwörter: Beziehung, Lebensrecht, Martin Buber
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