Vielleicht hilfts ja. Oder, was meinst du George Orwell?
Winston Smith war schon einmal verheiratet gewesen. Aber das war nun, nachdem sie „ fünfzehn Monate zusammengelebt“ hatten, es war bereits „neun, zehn – fast elf Jahre her, seit“ er und Katharine „sich getrennt hatten“. 1
Sie war zwar ein „großes, blondes Mädchen“ und „wusste sich anmutig zu bewegen“, aber schon bald nach der Hochzeit stellte Winston fest, „dass er in seinem Leben nie einen derart dummen und abgeschmackten Hohlkopf begegnet war. Ihre Gedanken brachten nichts als Phrasen hervor, und sie schnappte nach jedem, wirklich jedem nur denkbaren Schwachsinn, den sie von der Partei hingeworfen bekam. ‚Abspielgerät auf zwei Beinen‘ nannte er sie für sich. Und doch hätte er sich ein Leben mit ihr vorstellen können, wäre da nicht das eine Thema gewesen – Sex.“2
George Orwell, der wirklich oft bemühte, beschreibt in seinem Roman 1984 wie sein Hauptdarsteller, Winston Smith, zu dieser Sicht gekommen war: „Sobald er sie nur berührte, zuckte sie zusammen und wurde steif. Sie zu umarmen war wie eine hölzerne Gelenkpuppe in den Arm zu nehmen. […] Sie lag mit geschlossenen Augen da, ohne sich zu sträuben, ohne mitzumachen, wie ergeben. Es war äußerst beschämend und nach einer Weile einfach entsetzlich.“3 Winston wäre aber trotz allem sogar bereit gewesen mit Katharine zusammenzubleiben, wenn sie beide übereingekommen wären, enthaltsam, also ohne den gemeinsamen Sex, zu leben. „Doch merkwürdig, ausgerechnet Katharine lehnte es ab. Sie müssten wenn irgend möglich ein Kind zeugen. So unterzogen sie sich weiter dieser Verrichtung regelmäßig einmal pro Woche, wenn es nicht gerade unausführbar war. Sie erinnerte ihn sogar jeden Morgen daran als an etwas, das an diesem Abend anstand und nicht vergessen werden durfte. Sie hatte zwei Bezeichnungen dafür, die eine war ‚ein Kind machen‘, die andere ‚unserer Pflicht gegenüber der Partei nachkommen‘“ 4
Das Parteiprogramm bekommt Winston Smith, als er später im Buch von der Gedankenpolizei festgenommen, im Ministerium der Liebe schwer gefoltert und ‘wieder auf die richtigen Gedanken gebracht‘ wird, von O’Brien vorgebetet: „Die alten Zivilisationen erhoben den Anspruch, auf Liebe und Gerechtigkeit gegründet zu sein. Unsere ist auf Hass gegründet. […] Wir haben die Verbindung zwischen Kind und Eltern, Mensch und Mensch, Mann und Frau gekappt. Niemand wagt mehr, einem Kind, einer Ehefrau oder einem Freund zu vertrauen.“5 – Der Stasi, den Meldestellen, den Trusted Flaggern und Fakten Checkern..ach Nein, Orwell bezeichnete es als Gedankenpolizei. Wem auch immer sei der zynische Dank dafür – „Kinder wird man ihren Müttern gleich nach der Geburt wegnehmen, so wie man Hennen die Eier wegnimmt. Der Geschlechtstrieb wird ausgerottet. Zeugen wird eine jährlich anstehende Formalität sein wie die Verlängerung einer Lebensmittelkarte. Den Orgasmus schaffen wir ab. Unsere Neurologen arbeiten aktuell daran. Es wird keine Liebe mehr geben außer der Liebe zum Großen Bruder. […] Es wird keine Kunst mehr geben, keine Literatur, keine Wissenschaft. […] Zwischen Schönheit und Hässlichkeit wird es keinen Unterschied mehr geben.“6 Das wäre die eine These, der eine Extremismus, das Pendel am Anschlag, die verkollektivierte Sexualität. VES quasi: VolksEigener Sex.
Einschub: Was denkt ihr bei den Zeilen? Der Robert Habeck schrieb in seinem Vorwort zu 1984: „George Orwell ist der Analytiker des Totalitarismus.“7 Dabei ist Orwell zumindest in 1984 kein waschechter Analytiker, sondern ein, ähnlich wie Habeck selbst, Buchautor, der mit 1984 einen spannenden Roman vorgelegt hat. Als Analytikerin des Totaliarismus wäre wohl Hannah Arendt mit Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft8 zu nennen. Orwells Beschreibung bereitet mir ein paar Bauchschmerzen. Ich wäre fast geneigt zu schreiben, dass Orwell hier ähnliches meint wie der spätere Horkheimer der nach eingängiger Analyse seine Meinung, dass die Familie als Realität, wie er es nannte, eine Familie mit real existierenden Vater und Mutter, frei von irgendwelchen ideologischen Verbiegungen, „die verläßlichste und erfolgreichste Gegeninstanz gegen den Rückfall in die Barbarei ist“.9 Von diesem Rückfall in die Barberei sei jedes Individuum bedroht. Und deswegen, so Horkheimer, braucht es „die beschützenden Funktionen der Familie“. Er stellte dann fest, dass Kinder, die der „Barbarei“ verfallen, wahrscheinlich nicht unter einer zu kräftigen Familie, sondern eher an einem Mangel an familiärer Bindung leiden.10 Wir haben das in Autorität und Familie ausführlicher und mit mehr Quellen beschrieben.
Orwell bleibt jedoch bei dem einen Extrem nicht stehen. Er lotet auch die Antithese aus, das andere Extrem. Orwell lässt das Pendel einmal ganz durschwingen. Als Winston und Julia, die weibliche Hauptfigur im Roman, miteinander geschlafen hatten, fragt er sie ob sie früher schon Sex mit anderen hatte. Hundertfach, gibt ihm Julia zu verstehen. Diese Antwort erfüllt Winston mit einer „zügellosen Hoffnung. […] Hätte er nur die Möglichkeit, die ganze Bande mit Lepra oder Syphilis anzustecken, wie gern wollte er es tun.“11 Zu Julia sagt er dann „’Hör zu. Je mehr Männer du hattest, desto mehr liebe ich dich. Verstehst du das?‘ ‚Ja vollkommen.‘ ‚Ich hasse Unschuld, ich hasse Güte. Für mich soll es nirgendwo mehr irgendwelche Tugend geben. Ich will, dass alle abgrundtief verdorben sind.“12 Und Orwell beschließt diese Situation, nachdem Julia sagte sie sei verrückt nach Sex, mit folgenden Worten: „Das vor allem war es, was er [Winston] hören wollte. Nicht einfach die Liebe zu einem bestimmten Menschen, sondern der animalische Trieb, die nackte, undifferenzierte Begierde: Das war die Kraft, die die Partei in Stücke reißen würde.“13 Klingt weniger nach Horkheimer, eher nach Wilhelm Reich, oder? Klingt nach „Ficken gegen den Totalitarismus“. Damit bleibt Winston im Totalitarismus verhaftet. Wer so denkt will zwar die eingangs beschriebene, nur dem Kollektiv dienende Sexualität, befreien, aber das gelingt nur, in dem er sie zerstört. Befreiung durch Untergang. Immer noch bzw. wieder Totalitarismus. Wieder Tod.
Ist es das wert? Orwell hat die These und Antithese sehr gut ausgearbeitet. Hoffnungslosigkeit könnte sich breit machen. Winston gesteht es Julia nach der Folter: „Macht das mit dem und dem. Hinterher kann man sich einbilden, das sei nur ein Trick gewesen. Du hättest das nicht so gemeint, sondern nur gesagt damit sie aufhören. Aber das stimmt nicht. In dem Augenblick wo es passiert, meinst du es auch. Du denkst es gibt keinen anderen Ausweg um dich zu retten und du bist durchaus bereit dich auf diese Weise zu retten. Du willst sogar, dass es dem anderen passiert. Es ist dir völlig egal ob er leidet. Du denkst nur noch an dich selbst.“ (S. 375) Aber was wenn ich es überwinden könnte nur noch an mich selbst zu denken? Was wenn wir es könnten? Was wenn wir wieder vertrauen zueinader/untereinander gewinnen (könnten). Wir könnten wieder Menschen, könnten Mit-Menschen sein. Dazu müssten wir aber von den Extremen runter und es bräuchte die lebensspendende Spannung in der Mitte.
Es gibt u.a. Hoffnung für diese Stunde.
Quellen: Titelbild: https://unsplash.com/de/fotos/menschen-die-sich-tagsuber-auf-einer-strasse-versammeln-3BwgqQJSJsw
1 George Orwell, 1984, aus dem Englischen neu übersetzt von Jan Strümpel, Anaconda Verlag, 2024, S. 87.
2 ebd., S. 88.
3 ebd.
4 ebd., S. 88f.
5 ebd., S. 343.
6 ebd.
7 https://www.audible.de/pd/1984-Hoerbuch/3837154270?qid=1733915785&sr=1-1&ref_pageloadid=not_applicable&pf_rd_p=e54013e2-074a-460e-861f-7feac676b789&pf_rd_r=AM2D2ARWC7Q3STSYAQ3Q&plink=XV8nwKuLRAzJhIre&pageLoadId=B7FzYKaucknABxz2&creativeId=41e85e98-10b8-40e2-907d-6b663f04a42d&ref=a_search_c3_lProduct_1_1.
8 Einen kurzen Einblick gibt wohl https://de.wikipedia.org/wiki/Elemente_und_Urspr%C3%BCnge_totaler_Herrschaft
9 Horkheimer Max, Autorität und Familie in der Gegenwart. In: Derbolav, Josef und Nicolin, Friedhelm (Hrsg.): Erkenntnis und Verantwortung, Festschrift für Theodor Litt, Düsseldorf, 1960, Pädagogischer Verlag Schwann, S. 152-167
10 vgl. ebd., S. 167.
11 Ebd., S. 160.
12 Ebd. S. 161.
13 Ebd.







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