Oder: Warum manche der Meinung sind, dass auch Familienplanung plan-wirtschaftlich sein sollte.
Die Gesetzgebung des vermeintlich gelobten deutsch demokratischen Landes der DDR, das ab 1972 Abtreibung bis zur 12. Schwangerschaftswoche legalisierte, wird bis heute(!) von vielen Befürwortern einer erneuten Abtreibungs-Legalisierung gepriesen. Es heißt, dass wir im Osten Deutschlands nämlich schon mal viel weiter gewesen wären1 und eine Entkriminalisierung würde „gerade den ostdeutschen Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung […] ein Stück weit wieder geben.“2
Aber ist das so? Waren wir schon mal viel weiter? Und war die legale Abtreibung in der DDR wirklich ein Ausdruck für das weibliche Recht auf Selbstbestimmung?
Rona Torenz verfasste einen Aufsatz mit dem Titel Narrative über Verhütung und Abtreibung in der DDR (1972-1990)3, in dem sie u.a. der Frage nachgeht, warum Abtreibungen 1972 quasi im Handumdrehen erlaubt wurden. Torenz schreibt, dass es unterschiedliche Punkte gebe, die die Legalisierung der Abtreibung durch die Sozialistische Einheitspartei (SED) erklären könnten. Da wäre z.B. das Problem der „gesundheitlichen Folgen illegaler Schwangerschaftsabbrüche und die unterschiedliche Entscheidungspraxis in den bis 1972 für Abtreibungsanträge zuständigen regionalen Kommissionen.“4 Hinzu kommt, dass die DDR durch andere osteuropäische sozialistische Länder, in denen die Abtreibungsgesetze bereits liberalisiert worden waren, unter Druck gesetzt wurde. Ihnen gegenüber bestand in DDR Aufholzwang. Dann gab es auch noch die, ein paar Jahre zuvor gelockerten, Visabestimmungen für Polen und die UDSSR , so dass von der Regierung ein Anstieg des sog. Abtreibungstourismus in diese Ländern befürchtet wurde. „Außerdem gab es Anfang der 1970er Jahre eine starke Frauenbewegung in der [benachbarten] Bundesrepublik Deutschland (BRD), die sich für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs einsetzte. In Zeiten des Kalten Krieges konnte die SED durch die Legalisierung der Abtreibung die DDR als den fortschrittlicheren Staat im Vergleich zur BRD darstellen.“5 Daphne Hahn6 schreibt bestätigend, dass „die überstürzte gesetzliche Regelung [der DDR] nicht von den Ereignissen in der Bundesrepublik abgetrennt gesehen werden“7 könne, denn die „Freigabe der Abtreibung als vormaliges Ziel der Kommunistischen Partei, in deren Traditionslinie die SED sich sah, konnte keinesfalls der Bundesrepublik überlassen“8 werden.
Außerdem wird die zunehmende Teilzeitbeschäftigung von Frauen, „die u.a. dadurch zustande kam, dass Frauen nach wie vor hauptsächlich für Kinderbetreuung und Hausarbeit zuständig waren“9, ebenfalls als Grund in Betracht gezogen. Diesem Trend wollte man entgegenwirken. Die Frauen wurden vielmehr auf dem Arbeitsmarkt gebraucht, welchem sie zu häufig aufgrund von Schwangerschaften fernblieben.10 „Vorbereitung, Durchführung und Nachbehandlung wurden bei einem Abbruch wie bei einem Erkrankungsfall gehandhabt. Es entstanden der Frau keinerlei Kosten; berufstätige Frauen erhielten für die Zeit ihrer Arbeitsunfähigkeit – in der Regel etwa eine Woche – Krankengeld.“11
Hinzu kamen viele Protestbriefe von jungen, gut ausgebildeten Frauen, die sich über die Ablehnung ihrer Anträge auf Abtreibung durch die zuständige Kommission beschwerten und ein Recht auf selbstbestimmte Familienplanung forderten. Somit kann, schreibt Torenz, die Legalisierung der Abtreibung auch als geeignetes Mittel der SED interpretiert werden, um deren Zustimmung bzw. ihre Legitimation in der Bevölkerung zu verbreitern.12
Viel weiter? Selbstbestimmung?
Klang jetzt noch nicht nach Selbstbestimmung? Was hat es nun damit auf sich? Torenz schreibt ein paar Seiten weiter:
„Obwohl Frauen als Arbeitskräfte geschätzt und auch als notwendig erachtet wurden, wurden sie in erster Linie als Mütter adressiert. Als Objekte einer mutterzentrierten Familienpolitik hatten Frauen wenig Alternativen zum hegemonialen familienzentrierten Lebensmodell. Darüber hinaus wurden in moralisierenden Appellen in staatlichen Publikationen ‚sexuelle Instabilität‘ und die Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen kritisiert. Auch Kinderlosigkeit wurde als bürgerlich [bourgeois] kritisiert und die Reproduktionsarbeit der Frauen wurde zur patriotischen Aufgabe erklärt und als Zeichen des Engagements für den Sozialismus gewertet.“13
Mütter alle Länder vereinigt euch!“ Karl, wie die Zeit vergeht. Erst war es sozialistische Pflicht Kinder zu bekommen, jetzt ist es fast schon das Gegenteil. Ja nun. Ich weis ja nicht. Vielleicht sollten wir vorher mal „viel weiter“ und „Selbstbestimmung“ definieren. Was meint man denn damit? Geht es nur um die plumpe Gesetzgebung? Geht es darum gefälligst selbstbestimmt wieder an der Revolution mitzuarbeiten?
Selbstbestimmte Familienplan-Wirtschaft
Ich versteh es wirklich nicht. Die DDR hatte völlig andere Ziele im Sinn als das Recht der Frau auf Selbstbestimmung. Um das hastig eingeführte Gesetz zu legitimieren, wurde dieses Recht als Argument „in dem dann nachträglich einsetzenden Legitimationsdiskurs“ vorgebracht.14 „Es wurde mit der Herauslösung von Frauen aus traditionellen Abhängigkeiten argumentiert, die nun neue Entscheidungsspielräume erhielten, was insgesamt ihre Emanzipation voranbringt. Generative Vorgänge könnten nun noch planmäßiger als zuvor gestaltet und biologische Zufälle ausgeschlossen werden. […] Das Gesetz knüpfte an die gestalterischen Kärfte der Planbarbkeit an“.15 16 Der Arbeit- und Bauernstaat hat das mit seiner Planwirtschaft echt bis ins kleinste Detail durchgezogen. Wer sagt eigentlich, dass es den heutigen Zurück-Träumern dieser Ideen diesmal um die Frau nicht wieder um den Arbeitsmarkt geht?
Denn auch heute gilt: „Was in dieser Auseinandersetzung nirgendwo auftaucht, sind mögliche psychische Folgen durch einen Schwangerschaftsabbruch selbst. Dieses Argument spielt in der DDR nur in dem Zusammenhang eine Rolle, dass psychische Belastungen durch unglückliche partnerschaftliche Beziehungen oder unterbrochene Karrierewege entstehen können und es dann die bessere Lösung ist, sich gegen eine Schwangerschaft zu entscheiden.“17 Es hat sich scheinbar nichts geändert. Außer, dass der DDR-Unrechtsstaat nicht mehr existiert. In der Traumwelt mancher wird er jedoch heißer denn je zurück gesehnt.
Ich kann mir nicht helfen, aber das was heute gefordert wird kommt mir schon sehr ostdeutsch vor. Blaupause DDR für den §218?
Bild: Titelbild: https://unsplash.com/de/fotos/eine-frau-in-einem-orangefarbenen-kapuzenpullover-die-ein-lustiges-gesicht-macht-pUjnktRPB-8?utm_content=creditShareLink&utm_medium=referral&utm_source=unsplash; Frau_Notizblock: https://unsplash.com/de/fotos/eine-frau-in-einem-orangefarbenen-kapuzenpullover-die-ein-lustiges-gesicht-macht-pUjnktRPB-8?utm_content=creditShareLink&utm_medium=referral&utm_source=unsplash
- Siehe Heidi Reichinnek, am 05.12.2024, ca. 17:47 Uhr, https://www.bundestag.de/mediathek?videoid=7618859#url=L21lZGlhdGhla292ZXJsYXk/dmlkZW9pZD03NjE4ODU5&mod=mediathek. ↩︎
- Dr. Beate von Miquel, Antwortrunde 1, ca. 18:33 Uhr, Hervorheb. d. Autors, Stenografisches Protokoll der 133. Sitzung, Rechtsausschuss, Berlin, den 10. Februar 2025, 17.00 Uhr, Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Saal 3.101 (Großer Anhörungssaal), Adele-Schreiber-Krieger-Straße 1, 10117 Berlin, S. 33. ↩︎
- Rona Torenz, Narratives about Contraception and Abortion in the GDR (1972-1990) Caught between a Liberal Law, Normative Ways of Living and the Individualization of Family Planing; in ‚Children by Choice?‘; Ann-Katrin Gembries, Theresia Theuke, Isabel Heinemann (Eds.); de Gruyter; 2018; S. 189f. ↩︎
- ebd., S.190, übersetzt mit DeepL.com; #Komission für Abtreibungen in der DDR siehe u.a. https://www.mdr.de/geschichte/ddr/politik-gesellschaft/gesundheit/weltweit-erster-staat-schwangerschaftsabbruch-legal-selbstbestimmung-frau-100.html oder https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/angebote/dossiers/218-und-die-frauenbewegung/schwangerschaftsabbruch-in-der-sbz-ddr, zuletzt aufgerufen am 13.03.2025. ↩︎
- ebd.; übersetzt mit DeepL.com; „Furthermore, at he beginning of the 1970s, there was a strong women’s movement in the Federal Republic of Germany (FRG) that fought for abortion legalization. In times of the Cold War, by legalising abortion the SED could present the GDR as the more progressive state compared to the FRG.“ ↩︎
- Mitglied der Kommission von der Bundesregierung, die sich mit der Frage um den §218 beschäftige (siehe https://youngandfree-kaleb.de/bmg-beruft-die-kommission/) und vormalige Pro Familia Bundesvorsitzende. ↩︎
- Daphne Hahn; Diskurse zum Schwangerschaftsabbruch nach 1945; in Ulrike Busch, Daphne Hahn (Hg.), Abtreibung Diskurse und Tendenzen; transcript Verlag; 2015; S. 52. ↩︎
- ebd., S. 53 ↩︎
- Rona Torenz, Narratives about Contraception and Abortion in the GDR (1972-1990) Caught between a Liberal Law, Normative Ways of Living and the Individualization of Family Planing; in ‚Children by Choice?‘; Ann-Katrin Gembries, Theresia Theuke, Isabel Heinemann (Eds.); de Gruyter; 2018; S. 190, übersetzt mit DeepL.com. ↩︎
- Siehe Monika Brudlewsky; Wo Unrecht zu Recht wurde – Eine politische Skizze aus der ehemaligen DDR; Auf Leben und Tod – Abtreibung in der Diskussion; Hoffacker/Steinschulte/Fietz/Brinsa (Hrsg.); 1991; 5. völlig neu bearbeitete und erheblich erweiterte Auflage; Gustav Lübbe Verlag GmbH; S. 270. ↩︎
- Lykke Aresin; Schwangerschaftsabbruch in der DDR; in Unter anderen Umständen Zur Geschichte der Abtreibung; 1993; Deutsches Hygiene Museum; S. 93. ↩︎
- Rona Torenz, Narratives about Contraception and Abortion in the GDR (1972-1990) Caught between a Liberal Law, Normative Ways of Living and the Individualization of Family Planing; in ‚Children by Choice?‘; Ann-Katrin Gembries, Theresia Theuke, Isabel Heinemann (Eds.); de Gruyter; 2018; S. 191, übersetzt mit DeepL.com. ↩︎
- ebd., S. 195, Hervorheb. d. Autors; übersetzt mit DeepL.com; „Although women were appreciated and also deemed necessary as workers they were predominantly adressed as mothers. As objects of a mother-centered family policy women did not have a lot of alternatives to the hegemonic family-centered model of living. In addition, moralising appeals in state publications critizied ‚sexual instability‘ and resuling abortions. Childlessness was also criticized as bourgeois and the reproducitve work of women was declared a patriotic task and deemed a sign of commitmend to socialism.“ ↩︎
- Daphne Hahn; Diskurse zum Schwangerschaftsabbruch nach 1945; in Ulrike Busch, Daphne Hahn (Hg.), Abtreibung Diskurse und Tendenzen; transcript Verlag; 2015; S. 53, Hervorheb. d. Autors. ↩︎
- ebd., Hervorheb. d. Autors. ↩︎
- „Der damalige Minister für Gesundheitswesen, Prof. Dr. Mecklinger, begründete das Gesetz vor der Volkskammer am 9.2.1972. Er ging davon aus, daß eine nicht gewollte Schwangerschaft außerordentlich komplizierte Probleme bei Frauen und in Ehen – auch in solchen, in denen durchaus Kinderwunsch besteht – aufwirft. Erfolgreich begonnene oder kurz vor dem Abschluß stehende berufliche Entwicklungen wurden dadurch in Frage gestellt und mitunter auch Ehekrisen ausgelöst. Durch solche schweren, manchmal dem einzelnen ausweglos erscheinenden psychischen Bedingungen könnten das Glück der Frau und des Mannes und die Harmonie der Ehe und Familie gefährdet werden.“ Lykke Aresin; Schwangerschaftsabbruch in der DDR; in Unter anderen Umständen Zur Geschichte der Abtreibung; 1993; Deutsches Hygiene Museum; S. 91 ↩︎
- Daphne Hahn; Diskurse zum Schwangerschaftsabbruch nach 1945; in Ulrike Busch, Daphne Hahn (Hg.), Abtreibung Diskurse und Tendenzen; transcript Verlag; 2015; S. 53. ↩︎
Frauen treiben ab wenn sie dürfen.
Viel weniger treiben trotzdem ab wenn es verboten ist.
Menschen nehmen Drogen wenn sie dürfen.
Viel weniger Menschen nehmen Drogen wenn es verboten ist.
…
Diese Dammbrüche verändern unser Leben in schreckliche Szenarien und mega teure Folgen.
Danke für den sehr guten Artikel!