Martin Buber analysierte 1947 „Das Problem des Menschen“. In einem kleine Abschnitt1 erklärt Buber, dass die Krise in der wir aktuell stecken, eine Krise des Vertrauens sei.
Immer wieder gibt es Unsicherheiten in der Welt- oder Staatsordnung, politische und militärische Unruhen. Dem allen aber kann der Mensch größtenteils trotzen, weil er bis jetzt um seine soziale Sicherheit innerhalb (s)einer Gruppe wusste. Buber nennt es „das Getragenwerden von einer kleinen, in wirklichem Miteinandersein lebenden organischen Gemeinschaft“2. Man hätte es auch Familien- und Freundeskreis nennen können. Hier herrscht(e) das Vertrauen. Hier kann/konnte sich der Mensch geben und zeigen wie er wirklich ist.
Die Krux: „Wo das Vetrauen herrscht, muß der Mensch zwar oft seine Wünsche den Geboten seiner Gemeinschaft anpassen, aber er muß sie nicht in solchem Maße verdrängen, daß diese Verdrängung beherrschende Bedeutung für sein Leben gewinnt; sie verschmelzen vielfach mit den Bedürfnissen der Gemeinschaft, deren Ausdruck ihre Gebote sind.“3
Dazu zwei wichtige Punkte. Zum einen geht Buber hier die Theorie von Sigmund Freund offen an. Der Mensch werde eben nicht psychisch/seelisch krank wenn er nicht immer bekomme was er wolle. Die „Verdrängung“ seiner Wünsche bekäme keine „herrschende Bedeutung“. Der Mensch werde davon nicht in dem Maße, wie die Psychoanalyse das vermutete, bestimmt.
Und zweitens beschreibt Buber die Gebote, also die Gesetze einer Gemeinschaft als deren Bedürfnisse. Hat die Gruppe das Bedürfnis zu leben, erlässt sie ein Gebot: „Du sollst nicht töten“. Besteht das Bedürfnis, dass man Nachts ruhig schlafen kann, erlässt die Gemeinschaft ein Gebot bzw. Gesetz, dass Diebstahl und Einbrüche unter Strafe stellt. Hat eine Gesellschaft das Bedürfnis zu wachsen, dann drückt sich das in Geboten aus, die den Nachwuchs ermöglichen, schützen und Familien unterstützen. Aber welches Bedürfnis hat eine Gesellschaft, die eine Bannmeile von „100 Metern um den Eingangsbereich der Einrichtungen zur Vornahme von Schwangerschaftsabbrüchen“4 zieht und deren gewählte Vertreter sich für eine Legalisierung der Abtreibung einsetzen? Welches Bedürfnis veranlasst zum Verfassen solcher Dokumente wie den 8 March Principles?
Zurück zu Buber. Er sprach davon, dass die eigenen Wünsche nicht nur nicht verdrängt werden müssen, sondern mit den Bedürfnissen der Gemeinschaft verschmelzen! Wenn ich also will, dass es mir gut geht, dann setze ich mich für die Gemeinschaft, in der ich lebe, ein. Für Sportfreunde: Spielt das Team gut, spiel auch ich gut. Soweit kann es aber nur kommen, wenn man sich gegenseitig „echt“ vertraut bzw. vertrauen kann. Ohne Forderung doch endlich zu vertrauen. Und ohne eingebildetes Vertrauen. Gemeint ist ein echtes, natürliches Vertrauen. Der Moment, wenn der eine aufhört den anderen mit unwissenschaftlichen und euphemistischen Formulierungen über den Tisch ziehen zu wollen. Der Weg zurück zum gegenseitigen Vetrauen ist zwar sehr lang, aber nicht unmöglich.
„Wenn ich unsere Krise auf eine Formel bringen soll, möchte ich sie Krise des Vertrauens nennen. Wir haben gesehen, wie Epochen der Sicherheit menschlichen Seins im Kosmos mit Epochen der Unsicherheit abwechseln, aber in diesen waltet zumeist noch eine soziale Gewißheit, das Getragenwerden von einer kleinen, in wirklichem Miteinandersein lebenden organischen Gemeinschaft; das Vertrauendürfen innerhalb dieser Gemeinschaft entschädigt für kosmische Unsicherheit, es gibt Zusammenhang und Gewißheit. Wo das Vetrauen herrscht, muß der Mensch zwar oft seine Wünsche den Geboten seiner Gemeinschaft anpassen, aber er muß sie nicht in solchem Maße verdrängen, daß diese Verdrängung beherrschende Bedeutung für sein Leben gewinnt; sie verschmelzen vielfach mit den Bedürfnissen der Gemeinschaft, deren Ausdruck ihre Gebote sind. Diese Verschmelzung kann sich wohlgemerkt nur da wirklich vollziehen, wo innerhalb der Gemeinschaft wirklich alles mit allem lebt, wo also nicht ein gefordertes und eingebildetes, sondern ein echtes, elementares Vertrauen waltet. Erst wenn die organische Gemeinschaft von innen her zerfällt und das Mißtrauen der Grundton des Lebens wird, gewinnt die Verdrängung ihre beherrschende Geltung. Die Unbefangenheit des Wünschens wird vom Mißtrauen erstickt, alles um einen her ist feindlich oder kann feindlich werden, man erfährt keine Übereinstimmung mehr zwischen dem eigenen Verlangen und dem der andern, denn es gibt keine wahre Verschmelzung oder Versöhnung mit dem, was einer tragenden Gemeinschaft nottut, und hoffnungslos verkriechen sich die dumpfgewordenen Wünsche in die Höhlen der Seele.“5
1 Martin Buber, Schriften zur Psychologie und Psychotherapie, Martin Buber-Werkausgabe (MBW), Band 10
Herausgegeben von Judith Buber Agassi, 1. Auflage, 2008, S. 37f.
2 ebd., S. 38.
3 ebd.
4 §13 (1), Gesetz zur Vermeidung und Bewältigung von Schwangerschaftskonflikten (Schwangerschaftskonfliktgesetz – SchKG), https://www.gesetze-im-internet.de/beratungsg/BJNR113980992.html, zuletzt aufgerufen am 11.03.2025.
5 Martin Buber, Schriften zur Psychologie und Psychotherapie, Martin Buber-Werkausgabe (MBW), Band 10
Herausgegeben von Judith Buber Agassi, 1. Auflage, 2008, S. 37f.
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